"What the hell is Sackhüpfen?!", so oder so ähnlich lauteten die Antworten der russischen Bevölkerung, als Eric Cantona auf den Weg Richtung Hauptstadt war. In Moskau wollte der Franzose nämlich ein Mann treffen, der sich in diesem Thema gut auskennt. Dieser jene Mann hat es geschafft und schrieb sich zuletzt in die Liste der Könige ein. Spätestens jetzt sollte es bei jedem geklingelt haben um wenn es hier und heute geht. Darum lässt Cantona euch gar nicht lange warten und kommt zur Sache. Begrüßt mit mir den Champions League Sieger der Saison 2008-2.
Herzlich Willkommen!
Profitrainer "Genosse"
Benson
Habe die Ehre, Benson. Ich möchte dir danken für deine Zeit und möchte dir nochmal persönlich zum herausragenden Champions League Gewinn gratulieren. Muss ein tolles Gefühl sein?
Danke. Der Verstand sagt einem natürlich, dass die Turniere immer viel mit Glück zu tun haben und die wahren Champions in der Liga gekrönt werden. Aber wenn man dann seinen Namen neben den ganzen Berühmtheiten in der Hall of Fame eingraviert sieht, wenn man merkt, wie sehr sich die Ligakollegen für einen freuen (sonst herrscht bei uns ja knallharte Konkurrenz), wenn man sich dann (nach James Deans Vorbild) ein schickes neues Passbild fürs Forum raussuchen darf, wird einem klar: Die Champions League ist einfach das höchste – nach der WM vielleicht – und den Pokal würde ich für keinen Meistertitel der Welt wieder hergeben.
Ich hab gehört, dass du gar nicht im Stadion warst um deine Mannschaft zu unterstützen. Hast du am Fernseher mitgelitten bzw. letztlich gefreut oder wo warst du als es passiert ist?
Ich war in Wien auf der Abschiedsfeier meines Doktorvaters, aber in Österreich ist das Spiel ohnehin nicht übertragen worden und Internet hab ich seit dem letzten Umzug derzeit auch keins daheim. Ich hab mir einfach gegen 23 Uhr ein Weißbier aufgemacht und mit meiner Freundin (die selbst Trainerin ist) auf die gute alte Lokomotive angestoßen. Dass meine Burschen das packen, war mir nach diesem verrückten Turnier ohnehin klar.
Rollen wir die Sache mal von hinten auf. Du hast beim FC København angefangen und bist in die russische Topliga gewechselt, genauer gesagt nach Moskau. Dort hast du einmal den Pokal (2008-1) und diese Saison die Champions League gewonnen. Wie geht es weiter? Neuer Klub oder noch die russische Meisterschaft?
Wie schon gesagt, die Meisterschaft ist rational betrachtet das höchste, aber planbar ist so ein Erfolg nicht. Nicht umsonst hat jetzt einer die CL gewonnen, der in Russland noch nicht über Platz 3 hinausgekommen ist. 2008-3 werde ich sicherlich noch mal einen Anlauf wagen, immerhin will ich versuchen, meinen Titel zu verteidigen. Aber ewig werde ich wohl auch in Moskau nicht bleiben, es gibt einfach zu viele reizvolle Aufgaben: Wiener Sportklub, Aarhus, Bilbao, Coimbra, Tiflis, Žižkov, Clyde, meinen TSV 1860 natürlich – wie ich schon mal an anderer Stelle erwähnt habe: ich würde es überall außer in England aushalten. Wie lange ich noch bei der Lok bleibe und wo ich als nächstes hingehe, hängt aber auch nicht zuletzt davon ab, in welche Richtung sich Torrausch entwickelt, ob zum Beispiel eine zweite russische Liga kommt. Klar ist jedenfalls: die Trainerkollegen und der Ligaleiter müssen passen. Und da haben es die anderen Ligen schon verdammt schwer gegen die Kombo Joe Davis & Russland.
Jetzt muss ich nochmal von vorne anfangen. Wie bist du eigentlich zu Torrausch gekommen?
Witzige Geschichte: das war Anfang 2007, zu der Zeit habe ich mich viel in der Wikipedia rumgetrieben (von mir stammen z.B. die meisten Artikel über japanische Fußballvereine), als mir eine Diskussion über eine Artikellöschung ins Auge gestoßen ist: der Autor hieß Cognac und versuchte (letztlich erfolglos), einen Artikel über ein von ihm betriebenes Online-Fußballspiel unterzubringen. Ich hab mir die Seite mal angeschaut, und zufällig war einer meiner Lieblingsvereine, der FC København, gerade frei …
Zurück in die Gegenwart. Gegen wen verlierst du in Russland gar nicht gerne?
Natürlich verliere ich gegen niemanden gerne, aber wenn ich einen Trainer herausgreifen müsste, dann wäre das wohl 007mini. Seit ich gesehen habe, wie der (drüben) in Schottland die gesamte Liga in Grund und Boden gespielt hat, ist er so eine Art Vorbild für mich. Wenn man sieht, wie akribisch er seine Gegner analysiert, merkt man auch, dass der Erfolg nicht von ungefähr kommt. Naja, wenigstens bei den internationalen Titeln habe ich ja jetzt zu ihm aufgeschlossen und in der Liga habe ich gegen ihn eine Bilanz von fünf zu eins Siegen, also bei genauerer Betrachtung … vergiss das mit dem Vorbild besser mal.
Die russische Liga ist ja mit Toptrainern besetzt. Was ist deine Strategie?
Ich genieße bekanntlich das seltene Privileg, dass eine Taktik nach mir benannt ist: Daheim sichere Siege, auswärts wenige, dafür kraftvolle Attacken. Das ist natürlich nur ein kleiner Teil meiner Stategie und damit die aufgeht, muss ich meine Gegner sehr genau beobachten, meine Auswärtssiege teils schon Monate vorher planen und im richtigen Moment wieder alles umschmeißen und doch ganz anders setzen. Allerdings befürchte ich, dass ich immer noch zu konservativ setze, auf 1:0 zu spielen traue ich mich noch zu selten. So komme ich zwar mit hübscher Regelmäßigkeit unter die ersten 4, aber für den Meistertitel braucht's wohl noch etwas mehr Chuzpe – zumindest in der "härtesten Liga der Welt". Aber ich arbeite daran.
Was macht für dich das Pbem so spannend und wo siehst du noch Mängel?
Eine Sache hat Torrausch mit Fußball gemeinsam: Die Grundregeln hat man nach 30 Sekunden kapiert (Torrausch ist ja in etwa so kompliziert wie Stein-Schere-Papier) und dennoch kann man sich jahrelang damit beschäftigen, ohne dass es langweilig wird. Als ich vor ein paar Tagen gelesen habe, dass Dortmund im UEFA-Cup gegen Udinese zu Hause 0:2 verloren hat, war mein erster Gedanke: "Toll, jetzt spielen die zum ersten Mal seit Jahren wieder international und dann ein NMR in der ersten Runde!" Es fesselt einen einfach. Wahrscheinlich genau deshalb, weil es so simpel und gleichzeitig so unglaublich vielschichtig ist.
Mein einziger Verbesserungsvorschlag wäre: Lasst doch bitte die alten Geschichten aus der Zeit der Torrausch-Trennung ruhen! Die meisten Spieler freuen sich einfach, dass sie jetzt 2 Vereine trainieren dürfen und inzwischen gibt es mit Vito und mir schon zwei Leute, die auf beiden Seiten mitarbeiten. Also lasst die Vergangenheit vergangen sein und konzentriert euch auf das heute bzw. morgen.
What the hell is "Sackhüpfen"? Naja, die Russen kennen es vielleicht nicht bzw. wenn dann liegt das in der Kindheit. Aber du bist deutscher Meister im Sackhüpfen in der Disziplin "Sprint". Es gibt ja eigentlich für alles Meisterschaften. Du hast dich aber für das Sackhüpfen entschieden. Wie kommt man dazu? Warum nicht normale Leichtathletik?
Ein Freund aus dem Osten (inzwischen auch Trainer) hat mich darauf gebracht, er hat hat früher schon einmal an den Meisterschaften teilgenommen und wollte 2004 in München einen neuen Sacksportverein aufbauen – den ersten überhaupt im Westen. Inzwischen sind die "Fiesen Fressen" regelmäßig dabei und vor allem im Sprint sind wir immer einer der Titelanwärter. Für den Sacksport sprechen für mich drei Gründe: erstens die Community, die sich da jedes Jahr trifft, eine eingeschworene Gemeinschaft von lauter Verrückten (ähnlich wie bei Torrausch). Zweitens die Tatsache, dass man es wohl sonst nirgends mit so wenig Training zum Meister schafft. Und drittens, seht selbst: (http://www.youtube.com/watch?v=_bxDJEDlChc)
Welche Pop-Queen hat für dich persönlich mehr klasse. Madonna oder Kylie Minogue?
Puh, auf die Frage war ich jetzt nicht vorbereitet. Ich sage c) die Queen of Rock, Freddie Mercury!
Ok, letzte Frage! Angenommen du hast alle Staatsangehörigkeiten der Welt. Weiter angenommen du bist der weltbeste Sackhüpfer und ein Land würde dich gerne für ihre Nationalmannschaft gewinnen. Welches Land würdest du wählen, wenn du die Qual der Wahl hast?
Weißt du Eric, nachdem es offiziell keine bayerische Staatsbürgerschaft gibt, kann ich da ganz unideologisch rangehen. Ich bin jetzt seit bald zwei Jahren selbst Ausländer und bei meinem letzten Besuch in Transnistrien habe ich ohnehin gesehen, dass Staatsangehörigkeit Ansichtssache ist. Drum mach ich's pragmatisch und geh zu dem Land, das am besten zahlt. Oder wo Joe den Nationaltrainer macht.
Danke, Benson. Hier mit bist du entlassen. Ich wünsch dir viel Glück und Spaß beim Spiel.
Doswedanje, ich danke für den Besuch. Komm doch bald mal wieder in Russland vorbei, lohnende Opfer gibt es hier noch genügend.
Das war Benson (Lok. Moskau/ Russland). Eric Cantona verabschiedet sich hiermit erst einmal von Russland und zieht weiter durch die Länder. Welchen Trainer er als nächstes sein Diktiergerät unter die Nase bzw. vor dem Mund hält, weiß Eric selbst noch nicht. Wenn ihr Ideen für Fragen habt oder wenn ihr schon immer mal was von einem ganz bestimmten Trainer wissen wollt, dann schreibt eine PN an Eric Cantona.
Auf Bald, Euer EricKontakt: Cantona / Benson
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